Karagwe - Kyerwa - Murongo
Wie alles anfing
November 1963. Im äußersten Nordwesten Tanzanias, in der Provinz Karagwe, wird eine Kirche eingeweiht. Entfernung zur Hafenstadt Bukoba, am Westufer des Viktoriasees gelegen, ist 190 km. Dort, im Gebiet von Kyerwa, hatte die einheimische lutherische Kirche damals ihr eigenes Missionsgebiet.
Nach dem Gottesdienst wandere ich um die Kirche herum, um zu fotografieren. Da kommt ein Afrikaner auf mich zu, das Gesicht eine einzige Frage: "Was fotografierst du denn?" Ich antworte: "Die Landschaft!" "Waaaas fotografierst du??" - So etwas Dummes, Unproduktives bringen nur die Europäer fertig...! Wir machen uns gegenseitig bekannt, lachen miteinander, werden Freunde. Und sind es bis heute. Der Frager heißt Apolo Ntimba.
Nach unserer Rückkehr nach Europa im Jahr 1972 erlebe ich in Westberlin die ersten Partnerschaftsbeziehungen zwischen Kirchenkreisen in Westberlin und solchen einheimischer Christen in Südafrika. Das war damals etwas völlig Neues, geradezu eine Sensation. Beruflich für diese Beziehungen verantwortlich, lerne ich ihre guten Seiten und ihre Schwierigkeiten gründlich kennen.
Sieben Jahre später, inzwischen war ich nach Gütersloh in Westfalen zurückgekehrt, lassen sich Missionsausschuss und Kreissynode davon überzeugen, dass eine solche Beziehung nicht nur den eigenen Horizont erweitern, sondern auch zwischen ehemaligen Missionsgebieten und missionierenden Kirchen ein anderes Verhältnis entstehen lassen kann: das zwischen Freunden, zwischen Christen, die vieles gemeinsam haben und das miteinander teilen können, auch wenn sie geographisch und kulturell ihr Christsein in unterschiedlicher Umgebung zu leben versuchen.
Nachdem die Kreissynode auf ihrer Sitzung im Sommer 1980 dem Vorschlag zur Aufnahme einer Partnerschaft zugestimmt hat und dieses Angebot einer direkten Beziehung auch von Seiten der Gremien des zukünftigen Partnerkirchenkreises angenommen worden war, stand der Einladung zu einem ersten Besuch im Kirchenkreis Gütersloh nichts mehr im Wege.
Anfang Oktober 1980, fast genau 17 Jahre nach jener ersten Begegnung, ist es soweit: Als erste Gäste besuchen Superintendent Apolo Ntimba und Evangelist Sebastian Tirumanywa unseren Kirchenkreis. Nur neun Monate später kommt es zu einem Gegenbesuch einer Gütersloher Delegation in Kyerwa. Seitdem besuchen sich die Christen regelmässig in Abständen von zwei bis drei Jahren.
Trotz mancher Höhen und Tiefen besteht diese Partnerschaft nun seit 25 Jahren (zum Zeitpunkt, an dem dieser Bericht verfasst wurde), ich meine, ein Anlass zur Dankbarkeit. "Miteinander leben - voneinander lernen" , so lautet das Motto bis heute. Wir sind ihm oft nicht gerecht geworden. Trotzdem war die Entscheidung für diese Partnerschaft richtig, weil sich dadurch für beide Seiten der Horizont erweitert hat, in der Fürbitte, im Opfer, durch die gemeinsamen jährlichen Partnerschaftstage am Sonntag Trinitatis.
"Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Erde verändern!" Dass dieser Satz wahr ist, haben wir in diesen 25 Jahren erlebt. Es wäre gut, wenn wir diese kleinen Schritte in Zukunft fortsetzen könnten, damit wir in Gütersloh noch intensiver verstehen in Richtung Brasilien, Indonesien, Weißrussland und ... - , wie Christsein im 21. Jahrhundert "im globalen Kontext" aussehen kann.
Pfarrer em. Dr. Rainer Albrecht